Schels-Portraits: Charakter statt Coolness

Reife Frau lehnt an der Tür. Charaktervolle Portraits lassen de Abgebildeten selbst sprechen. Foto: Hinzmann

Männer sind halt so, da machen Fotografen keine Ausnahme, wenn sie plaudern: Zuerst bestimmt die Technik das Gespräch. Danach wird’s für mich persönlich immer spannender –Technik handle ich gern kurz ab, weil ich von Funktionen und Schärfegraden eh keinen Schimmer habe – mit der Frage nach den Inspirationsquellen. Wessen Bilder hättet Ihr gern selbst geschossen? Wer inspiriert Euch? Das bewegt mich. Seit kurzem fasziniert mich auch Walter Schels. Ich hatte ihn auf der Foto-Convention in Zingst erstmals erleben dürfen und: Er hat meinen Nerv getroffen.

Meine Helden fangen ja mit August Sander und Erich Salomon an. Dann kommen irgendwann Barbara KlemmJim Rakete und Herlinde Koelbl. Vor allem Koelbls „Spuren der Macht“ sollte sich jeder angesehen haben, der sich für Portraits interessiert „Spuren der Macht“ zeigen Politiker am Anfang und auf dem Weg zum Zenit ihrer Karriere – fesselnd zu beobachten, wie sich der Ausdruck mit der Karriere entwickelt, entweder in eine Aura hinein oder in die Ernüchterung. Und in diese Riege der Könner am Auslöser gehört auch Walter Schels – der wäre an mir komplett vorbeigegangen, hätte er mich auf der Convention nicht total gerockt mit seinem tiefgründigen Vortrag zur Mimik.
 
Schels geht mit einer Neugierde an Menschen heran, die ich sonst oft vermisse. Viele ambitionierte Fotografen sind oft auf den coolen Look aus. Schels bemüht sich am Gesichtsausdruck das Wesen seiner Portraitierten herauszukitzeln und deren einzigartige Geschichte zu erzählen. Ich finde es auch wahnsinnig spannend, sich als Fotograf an einem Gesicht abzuarbeiten, darin zu forschen, das Mienenspiel festzuhalten, den Portraitierten also sozusagen selbst über sich erzählen zu lassen.
 
So zu fotografieren, bedeutet für mich, mich so weit wie möglich aus der Gestaltung herauszuhalten, nicht schon mit meiner gewählten Perspektive meine Sicht der Dinge klarzustellen. Die, die fotografiert werden, dürfen und sollen selbst Stellung beziehen. Ich fühle mich da auch gern als lediglich als Katalysator für ein Statement des Abgebildeten und nicht als Bildgestalter oder Künstler. Ich gebe zu, Fashion-Bilder sind sehr viel hipper, aber bei Schels Vortrag in Zingst war die Bude brechend voll, und alle haben ihm an den Lippen geklebt. Klingt alles ein wenig oldschool, aber offensichtlich bin ich nicht allein mit dem Gefühl, dass das moderne Grundrauschen durch die vielen leblosen Fotografien immer stärker zunimmt. Und immer stärker nervt.
 
Schels Fotografien halten die Zeit an und ehren den Moment. Und genau das ist es doch, was wir alle wollen. Sonst würden wir filmen und die Eindrücke an uns vorbeisausen lassen. Oder was denkt Ihr?
 
Einen nächsten Workshop in Zingst gibt Walter Schels wieder vom 06. bis 11. November. Der ist als Meisterklasse für fortgeschrittene Fotografen gedacht. Profitieren wird von Schels, wer als Fotograf ein echtes und tiefes Interesse für Menschen hegt und durch den Sucher den Charakter des Portraitieren sehen will. Das wird aber für alle einen echten Schritt in ihrer Entwicklung bedeuten. Traut Euch.